WHY I ALWAYS HAVE A KNIFE IN MY POCKET

I would have liked to know at 16 that the only thing that stands between us and life is our own fear, and that we must not feed it by giving in to it.
I would have liked to know that there is no change without paying for it with fear, and how wonderfully happy and free it makes to do things you are afraid of.

Cornelia Funke, Schriftstellerin, Quelle: theschooloflifeberlin

I had been so afraid of it. But now there was no way around it. I was here in a foreign country, in a small village in the Provence and alone and I knew that this was the place I wanted to be. I had set out for a new life and I knew that the people here would now be part of my life. And now I had to get in touch with them.

I was afraid, because I knew the difficulties I had with people in Berlin. My old life was characterized by seeing deep gaps between me and the others and being at a distance. Separated from the others, I detested their way of living, communicating and showing appreciation for things that were useless and had no value. Now I was stranded with my broken van on a pristine field in a beautiful landscape and didn’t know how to do it. How was I supposed to become part of a community here whose language I didn’t speak, but was mastered by a social phobia that always kept me on the edge of my seat.

I arrived on a Wednesday and it was raining. It had been raining since I leave Berlin and for more than three days now. Nothing but gray clouds and a wetness that crept into my clothes. What a shitty start.
Completely overtired, broken and annoyed I emptied the car on my field, which was full loaded until the roof with building material, which now also had 1500km behind it. If I wanted to sleep this night in a bed, I had to unpack now still everything, in order to sleep at least halfway well. In bed I lay still long awake, because I was clear that at the next morning everyone would notice that suddenly a white van with a German license plate stands on a field. I had to get ahead of the others’ thoughts even before I would be perceived and thus classified as an intruder. On this perception depended the shaping of my life here in the Provence. With these heavy thoughts, I fell asleep muttering sentences to myself in French, hoping to be able to produce them comprehensibly tomorrow. Babbling to myself, I fell asleep.

When the next morning arrived, I opened the door of my van and was struck by a breathtaking sight. A light haze hung over my field, betraying the past rain and hiding the sun behind a few light clouds. This freshness and wonderful air that I breathed in impressed me deeply. With a coffee in my hand, I walked across the field, listening to the birds and looking at the Luberon, which made me understand where I was: in the Provence. My thick knitted jacket, in which I had wrapped myself, put the remaining bed warmth over me and left a comforting, cozy feeling on my skin, which I snuggled into once again. And yet there was this fear and I knew: if I wanted to conquer and dominate this world, I had to be fearless.

After the breakfast, I gathered all my courage and went to the neighbor with my bad French. Shortly before her door, I had forgotten all the sentences and got stuck in this fright for a moment. What a prelude – and now she was already coming at me from her field. I bumped my way through the sentences I was convulsively trying to remember and only made it worse. “Let’s speak English.” She smiled and invited me in for coffee. From then on, everything happened furiously. People kept standing in my field smiling and welcoming me warmly. My English saved my poor French and with it a good communication in which I could introduce myself to the neighbors. So many people approached me and were positive about me, welcomed me with open arms and invited me in. The following days were marked by this atmosphere.

Here are these beautiful market days where people sit together in the evening. Everyone sits together at a big table and people keep joining them. Someone brings a bottle of wine and puts it on the table for everyone. The next person brings a fresh crusty bread and share it with everyone. And so it goes on with cheese, vegetables, fruit. I was overwhelmed by the naturalness with which people sit together and share. When I sit here among them all and get a glass of wine, I can hardly believe this friendliness. It feels so familiar and warm. Where before I felt strangeness in Berlin, here joy and warmth appear. I have always carried a knife in my pocket. What used to be a protection got a different function here. A knife to share. In the following days, the absence of my knife burst into my day again and again as an irritating problem. Because I had to learn that it was missing only to share, to repair or to harvest something. Now, when I sit with others and speak until late, I can feel how “wonderfully free it makes if you to do things you are afraid of.


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THE FIELD VANLIFE


| Warum ich immer ein Messer in der Tasche habe |
deutsch

Ich hätte mit 16 gern gewusst, dass das Einzige, was zwischen uns und dem Leben steht, die eigene Angst ist, Und dass man sie nicht füttern darf, in dem man ihr nachgibt.
Ich hätte gern gewusst, dass es keine Veränderung gibt, ohne dass man dafür mit Angst bezahlen muss, und wie wunderbar glücklich und frei es macht, Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet.

Cornelia Funke, Schriftstellerin,
Quelle: theschooloflifeberlin

Ich hatte mich so sehr davor gefürchtet. Doch nun gab es keinen Weg daran vorbei. Ich war hier in einem fremden Land, in einem kleinen Dorf in der Provence und allein und ich wusste, dass ich hier der Ort war, an dem ich sein wollte. Ich hatte mich auf in ein neues Leben gemacht und wusste, dass die Menschen hier nun zu meinem Leben dazu gehören würden. Und nun musste ich mit ihnen in Kontakt kommen.

Ich fürchtete mich, denn ich kannte die Schwierigkeiten, die ich mit Menschen in Berlin hatte. Mein altes Leben war davon geprägt, tiefe Kluften zwischen mir und den anderen zu sehen und in Distanz zu sein. Getrennt von den anderen verabscheute ich ihre Art zu leben, zu kommunizieren und den Dingen Wertschätzung entgegenzubringen, die nutzlos waren und kaum an Wert besaßen. Nun bin ich mit meinem kaputten Van auf einem unberührten Feld in einer wunderschönen Landschaft gestrandet und wusste nicht, wie das gehen sollte. Wie sollte ich hier Teil einer Gemeinschaft werden, deren Sprache ich nicht beherrschte, jedoch beherrscht war, von einer sozialen Phobie, die mich immer auf den Sprung hielt.

Ich kam an einem Mittwoch an und es regnete. Es regnete seit ich mich auf den Weg gemacht hatte und seit nun mehr drei Tagen. Nichts als graue Wolken und eine Nässe, die in meine Kleider kroch. Was für ein Scheiß Start.
Vollkommen übermüdet, kaputt und genervt, räumte ich auf meinem Feld das Auto aus, das bis unters Dach vollgeladen war mit Baumaterial, das nun ebenfalls 1500km hinter sich hatte. Wenn ich diese Nacht in einem Bett schlafen wollte, musste ich nun noch alles auspacken, um zumindest halbwegs gut zu schlafen. Im Bett lag ich noch lange wach, denn mir war klar, dass spätestens Morgen auffallen würde, dass plötzlich ein weißer Van mit einem deutschen Nummernschild auf einem Feld steht. Ich musste den Gedanken der anderen zuvorkommen, noch bevor ich als Eindringling wahrgenommen und damit eingeordnet sein würde. Von dieser Wahrnehmung hing die Gestaltung meines Lebens hier in Lauris ab. Mit diesen schweren Gedanken schlief ich ein und murmelte Sätze auf französisch vor mich hin, in der Hoffnung, sie morgen einigermaßen verständlich hervorbringen zu können. Vor mich hin brabbelnd schlief ich ein.

Als der nächste Morgen da war, machte ich dir Tür meines Vans auf und war erschlagen von einem atemberaubenden Anblick. Über meinem Feld hing ein leichter Dunstschleier, der den vergangenen Regen verriet und die Sonne hinter ein paar leichten Wolken versteckte. Diese Frische und wunderbare Luft, die ich einatmete, beeindruckte mich zutiefst. Mit einem Kaffee in der Hand lief ich über das Feld, hörte den Vögeln zu und sah auf den Luberon, der mir zu verstehen gab, wo ich war: in der Provence. Meine dick gestrickte Jacke, in die ich mich eingewickelt hatte, legte die restliche Bettwärme über mich und ließ ein wohlig, gemütliches Gefühl auf meiner Haut zurück, in das ich mich nochmal einkuschelte. Und dennoch war da diese Angst und ich wusste: wenn ich diese Welt erobern und beherrschen wollte, musste ich unerschrocken sein.

Nach dem Frühstück nahm ich allen Mut zusammen und ging mit meinem schlechten Französisch zur Nachbarin. Kurz vor ihrer Tür hatte ich alle Sätze vergessen und blieb für einen Moment in diesem Schreck stecken. Was für ein Auftakt – und nun kam sie schon von ihrem Feld auf mich zu. Ich holperte mich durch die Sätze, an denen ich krampfhaft versuchte, mich zu erinnern und machte es nur noch schlimmer. „Lass uns Englisch sprechen.“ lächelte sie und lud mich auf einen Kaffee ein. Von da an, ging alles rasend schnell. Immer wieder standen Menschen lächelnd auf meinem Feld und hießen mich herzlich willkommen. Mein Englisch rettete mein schlechtes Französisch und damit eine gute Kommunikation, in der ich mich den NachbarInnen vorstellen konnte. So viele Menschen kamen auf mich zu und standen mir positiv gegenüber, empfingen mich mit offenen Armen und luden mich ein. Die folgenden Tage waren von dieser Atmosphäre geprägt.

Es gibt hier diese schönen Markttage, an denen abends die Menschen zusammensitzen. Alle sitzen an einem großen Tisch zusammen und es kommen immer wieder Menschen dazu. Jemand bringt eine Flasche Wein und stellt sie für alle auf den Tisch. Der nächste bringt ein frisches knuspriges Brot mit und breitet es für alle aus. Und so geht es weiter mit Käse, Gemüse, Obst. Mich überwältigte diese Selbstverständlichkeit, mit der hier zusammen gesessen und geteilt wird. Wenn ich hier zwischen allen sitze, ein Glas Wein hingestellt bekomme, kann ich diese Freundlichkeit kaum fassen. Es fühlt sich so vertraut und bekannt an. Dort, wo ich vormals in Berlin Fremdsein spürte, erscheint hier Freude und Wärme. In meiner Tasche trage ich seit jeher immer ein Messer bei mir. Das, was vormals als Schutz gedacht war, bekam hier eine andere Funktion. Ein Messer um zu teilen. In den folgenden Tagen platzte das Fehlen meines Messers immer wieder als irritierendes Problem in meinen Tag. Denn ich musste lernen, dass es nur fehlte um zu teilen, um etwas zu reparieren oder zu ernten. Wenn ich nun mit anderen zusammen sitze und bis spät erzähle, kann ich fühlen, wie „wunderbar frei es macht, Dinge zu tun, von denen man sich fürchtet.