THE GRIZZLY

As soon as the woman entered the store where I worked that morning in Berlin, she pushed a dark aura of impending devastation in the room. Even before she reached the counter in the middle of the store, the room was filled with the foul smell of an upcoming stunk that would pour over me the next moment. I stood behind the counter, served the customers in a friendly way and could feel her intention without looking up: someone wants stress. Now. Here. Instantly.

I had no idea who or what was hurting her in such a way that she felt an inner urge to verbally pull the next unfortunate across the long table, but I knew very well that I had the misfortune of being chosen. It just didn’t matter what I had done, whether the bread in the shop was fresh or not or outside the door the stupid parcel carrier parked in the driveway. I had to feel it now.

Her exact choice of words was omitted from me between all the accusations, because I tried to understand what she wanted. While the sentence “too incompetent to pack the soup“, “not even a good bag here” and “too stupid to operate the cash register” flied around my ears, my interest in a fundamentally decent dialogue slipped and I wordlessly beamed myself into the galaxy of another life. My thoughts wandered to another place, to another life and to another level of communication whose logic I could follow. Scenes from the movie “The Joker” came to mind and I am desperately fighting against the inner urge to reopen the packaging of the soup and give her my opinion on her words as a little “Amuse-Gueule“. This freely interpreted and slightly alienated kind of French “mouth pleasure” amused me, because I saw in this culinary attunement, which is often served as a gesture of the house without being asked and before the cold appetizer as part of a menu, as an adequate answer to an improper behavior that had become acceptable. Working people in precarious jobs have recently become the waste bin of neoliberal behaviors and now serve as snot and spit buckets of poorly behaved contemporaries. I had successfully completed a degree, a diploma in computer science in my pocket and saved the money for my piece of land in France in this job and stood now in front of this woman who had lost her good manners while crossing the street.

The social side effects of such precarious jobs grow more and more above the actual, precarious situations and are no longer an isolated problem of low wage labor. Because the poor working conditions, which used to be attached only to precarious jobs, extended to professions that were far from it. Emergency doctors and emergency services are spat on, police officers are beaten up and people in any position are attacked, because someone wants to immortalize his opinion in their face at this moment. The neoliberal beating field is drawing ever larger circles and creating living and working environments that are frustrating.

So I try to escape this social wasteland that it leaves and the “economic paradox: rising rents that meet low wages” („Nomaden der Arbeit“; Jessica Bruder; S.24). This mixture of social frustration and the drifting apart of wages and living costs deprives a social frame, a good coexistence and a resilience to crises and leaves an abysmal hole of existential fears, competitive pressure and increasing mental illnesses that isolate each individual. When the Corona crisis paralyzed the world and thus its economy, I was completely convinced that I had to counter these unstable and destructive structures with my own crisis security. I had to escape this system and get rid of the shackles imposed on me by a life of rent or house credit and frustrating working and living conditions. I had to be able to counter the social phobia that gives me a misanthropic point of view in order not to get completely stuck in this dystopian vision of the future and present.

Acquiring a piece of land here in France and following the idea that there could be a better world is the salvation attempt of my soul. It is the hope of escaping the system and creating a space that could make another life possible. The risk of cutting out and looking for more is a challenge to life itself, which has awakened my thirst for adventure. I want to know what’s out there. And I want to know what it feels like to send an Amuse-gueule from a far little french village to the clouds of devastation.


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WHY I ALWAYS HAVE A KNIFE IN MY POCKET


| THE GRIZZLY |
deutsch

Schon als die Frau an diesem Morgen den Laden betrat, in dem ich in Berlin arbeitete, spülte sie die dunkle Aura einer bevorstehenden Verwüstung mit hinein. Noch bevor sie den Tresen in der Mitte des Ladens erreicht hatte, füllte sich der Raum mit dem üblen Geruch eines anstehenden Stunks, der sich im nächsten Augenblick über mich ergießen würde. Ich stand hinter dem Tresen, bediente freundlich die KundInnen und konnte ohne Aufzublicken ihr Vorhaben erahnen: da will Jemand Stress. Jetzt. Hier. Sofort.

Ich hatte keine Ahnung, wer oder was ihrem Leben so zusetzte, dass sie einen derartigen inneren Drang verspürte, den nächsten Unglückseligen verbal einmal quer über den langen Tisch zu ziehen, wusste aber sehr wohl, dass ich das Pech hatte, auserwählt worden zu sein. Es war einfach egal, was ich getan hatte, ob das Brot im Laden frisch war oder nicht oder draußen vor der Tür der dämliche Paketbote die Einfahrt zuparkte. Ich musste jetzt ran.

Ihre genaue Wortwahl entfiel mir zwischen all den Vorwürfen, denn ich versuchte nachzuvollziehen, worauf sie hinaus wollte. Während sie mir „zu inkompetent, um die Suppe einzupacken“, „nicht mal einen richtigen Beutel hier“ und „zu dumm, um die Kasse zu bedienen“ um die Ohren ballerte, entglitt mir das Interesse an einem grundanständigen Dialog und ich beamte mich wortlos in die Galaxis eines anderen Lebens. Meine Gedanken wanderten an einen anderen Ort, in ein anderes Leben und auf eine andere Kommunikationsebene, deren Logik ich folgen konnte. Mir kamen Szenen aus dem Film „The Joker“ in den Sinn und ich kämpfe verzweifelt gegen den inneren Drang, die Verpackung der Suppe wieder zu öffnen und ihr meine Meinung zu ihren Worten als kleines „Amuse-Gueule“ mitzugeben. Diese frei interpretierte und leicht entfremdete Art der französischen „Mundfreude“ amüsierte mich, denn ich sah in dieser kulinarischen Einstimmung, die häufig als Geste des Hauses ungefragt und vor der kalten Vorspeise im Rahmen eines Menüs serviert wird, als ebenbürtige Antwort auf ein ungebührliches Verhalten, das längst Mode geworden war. Arbeitende Menschen in prekären Jobverhältnissen sind unlängst der Abfalleimer neoliberaler Verhaltensweisen geworden und dienen nun als Rotz- und Spuckeimer schlecht erzogener ZeitgenossInnen. Da hatte ich erfolgreich ein Studium abgeschlossen, ein Diplom für Informatik in der Tasche und sparte mir hier in diesem Job das Geld für mein Stück Land in Frankreich zusammen und stand nun vor dieser Frau, die ihre guten Manieren beim Überqueren der Strasse verloren hatte.

Die sozialen Begleiterscheinungen derartig prekärer Jobs wachsen immer mehr über das eigentliche, prekäre Verhältnis hinaus und sind auch kein isoliertes Problem niedriger Lohnarbeit mehr. Denn die schlechten Arbeitsbedingungen, die ehemals nur prekären Jobs anhafteten, dehnten sich auf Berufe aus, die weit davon entfernt waren. So werden Notärzte und Einsatzkräfte bespuckt, Polizisten verprügelt und Menschen in jeglichen Positionen angegriffen, weil man jetzt genau in diesem Moment seine Meinung in ihrem Gesicht verewigen möchte. Das neoliberale Prügelfeld zieht immer größere Kreise und schafft Lebens- und Arbeitswelten, die frustrieren.

So versuche auch ich dieser sozialen Ödnis, die es hinterlässt, und einem „wirtschaftlichen Paradoxon zu entkommen: steigende Mieten, die auf Niedriglöhne treffen“ („Nomaden der Arbeit“; Jessica Bruder; S.24). Diese Gemengelage aus sozialem Frust und dem Auseinanderdriften von Löhnen und Lebenskosten entzieht einem sozialen Gefüge, einem guten Miteinander und einer Krisenfestigkeit den Boden und hinterlässt ein abgrundtiefes Loch aus Existenzängsten, Konkurrenzdruck und zunehmenden psychischen Krankheiten, die jeden Einzelnen isolieren. Als dann auch noch die Corona Krise die Welt und damit ihre Wirtschaft lahmlegte, war ich vollends davon überzeugt, dass ich diesen instabilen und zerstörerischen Strukturen eine eigene Krisensicherheit entgegenzustellen hatte. Ich musste diesem System entfliehen und die Fesseln, die mir ein Leben aus Miete oder Hauskredit und frustrierenden Arbeits- und Lebensverhältnissen auferlegte, loswerden. Ich musste der sozialen Phobie, die mich mit einer misanthropischen Sichtweise beglückte, etwas entgegenhalten können, um nicht vollends in dieser dystopischen Zukunfts- und Gegenwartsvision stecken zu bleiben.

Hier in Frankreich ein Stück Land zu erwerben und der Idee zu folgen, dass es eine bessere Welt geben könnte, ist der Rettungsversuch meiner Seele. Es ist die Hoffnung, dem System entfliehen und einen Raum erschaffen zu können, der ein anderes Leben ermöglichen könnte. Das Wagnis, auszuscheren und nach mehr zu suchen, ist eine Kampfansage an das Leben selbst, die längst meine Abenteuerlust geweckt hat. Ich will wissen, was da draußen ist. Und ich will wissen, wie es sich anfühlt, den Nebelschwaden der Verwüstung ein Amuse-Gueule aus einem fernen französischen kleinen Dorf zu schicken.